Die größten Herausforderungen bei der SAP S/4HANA Migration
SAP beendet den Mainstream-Support für SAP ECC zum 31.12.2027 – die Migration auf S/4HANA steht kurz vor dem Höhepunkt. Viele Unternehmen stehen vor dem letzten Entscheidungsfenster, sodass die Frage aufkommt, mit welchen Herausforderungen man im Zusammenhang mit der Einführung von S/4HANA konfrontiert wird. Im Rahmen dieses Blogbeitrags gebe ich Ihnen einen Überblick über die größten Herausforderungen im Zusammenhang mit der Migration auf SAP S/4HANA.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Frühzeitige strategische Entscheidungen (Zielarchitektur, Betriebsmodell, Transformationsansatz, Clean Core) sind entscheidend und beeinflussen den gesamten Projektverlauf maßgeblich.
- S/4HANA ist kein reines IT-Projekt, sondern eine unternehmensweite Transformation mit starkem Fokus auf Fachbereiche, Prozesse, Datenqualität und Change-Management.
- Die größte Herausforderung liegt weniger in einzelnen Tasks als in der Gesamtkomplexität (Integration, Custom Code, Tests, Organisation) sowie in der schwierigen Quantifizierung eines klaren Business Case.
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Grundsatzentscheidungen frühzeitig treffen
Wichtig ist, dass Grundsatzentscheidungen frühzeitig getroffen werden. Ein prägnantes Beispiel: Wenn zum Vorgehen ein Greenfield-Ansatz gewählt wird, würde eine HANA-Datenbankmigration oder ein EHP-Upgrade auf dem Bestandssystem beispielsweise als wenig sinnvoll erscheinen.
Welche Grundsatzentscheidungen müssen noch frühzeitig beachtet werden? Zur Veranschaulichung habe ich drei weitere Beispiele herausgestellt: Zum einen geht es darum, sich zwischen „S/4HANA On Premise” und „S/4HANA Cloud Private Edition“ zu entscheiden, wobei nochmals zwischen Private Cloud und Public Coud zu differenzieren ist. Hierbei ist insbesondere zu berücksichtigen, dass die Public Cloud einem stark standardisierten Ansatz folgt, während die Private Cloud mehr Flexibilität bietet.
Zweitens: Clean Core-Strategie – wie werden Custom-Code und Erweiterungen (z. B. via SAP BTP) ausgelagert? Dabei sollte auch entschieden werden, welche Eigenentwicklungen stillgelegt, angepasst oder in Side-by-Side-Erweiterungen überführt werden. Eine weitere Grundsatzentscheidung wäre die Antwort auf die Frage, wie mit dem bestehenden ERP-System zukünftig verfahren wird. Soll das ERP-System samt aller Daten und Einstellungen konvertiert werden oder wird ein komplett neues ERP-System aufgesetzt? Wähle ich Migration als Brownfield, Greenfield oder Selective Data Transition? Moderne Transformationsansätze ermöglichen hierbei auch hybride oder schrittweise Vorgehensmodelle (z. B. Selective Data Transition oder Landscape Transformation).
Nur ganz oder gar nicht
Die Migration auf S/4HANA peu à peu durchführen? Leider keine Option! Hier zählt die Devise: Nur ganz oder gar nicht. Technisch erfolgt die eigentliche Systemumstellung (z. B. bei einer System Conversion) weiterhin zu einem Stichtag. Die Transition von SAP ERP zu S/4HANA kann zum Stichtag allerdings flexibler mit allen Modulen und Prozessbereichen gleichzeitig geschehen. Eine Aufteilung nach Modulen im Projektverlauf ist nicht möglich, die Logistik muss zum gleichen Zeitpunkt wie die Finanzbuchhaltung und alle anderen Module migriert werden.
Dennoch ermöglichen moderne Ansätze wie Selective Data Transition, Landscape Transformation oder Central Finance auch schrittweise bzw. organisatorisch getrennte Transformationen. In RISE with SAP-Szenarien oder bei Cloud Public Edition können schrittweise Rollouts (Regional, per LOB) machbar sein. Lediglich in bestimmten Szenarien ist ein Umzug nach Landesgesellschaften oder Buchungskreisen möglich. Somit ist zwischen technischer Umstellung und fachlich-organisatorischer Transformation zu unterscheiden.
Kein IT-Projekt
Bei der Einführung von S/4HANA handelt es sich nicht um ein typisches IT-Projekt. Der Anteil der fachlichen Themen im S/4HANA-Projekt ist signifikant höher als in anderen SAP-Projekten.
Je nach Komplexität und Integrationstiefe des Systems, müssen die Fachbereiche viel Zeit und Knowhow bereitstellen, da alle fachlichen Prozesse durchleuchtet (je nach Vorgehensmodell mehr oder weniger detailliert), Clean-Core-konform zum Standard zurückgeführt oder mit S/4HANA neu abgebildet werden müssen. Eine dritte Alternative wäre, die Prozesse so zu lassen, wie sie bereits sind und keine Änderung vorzunehmen. In der Praxis ist jedoch auch hierbei eine technische und teilweise fachliche Anpassung an das S/4HANA-Datenmodell erforderlich.
Die Mitarbeit von Fachabteilungen aller Bereiche ist essentiell und erfolgskritisch. Eine zeitlich ausreichend bemessene Freistellung der entscheidenden Knowhow-Träger ist dazu erforderlich. Nicht selten wird die Gesamtprojektleitung sogar im Fachbereich und nicht in der IT angesiedelt, um die Wichtigkeit und Verantwortung der Prozess-Ownership zu betonen. Zusätzlich wird Data Governance (Stammdatenqualität) immer wichtiger. Insbesondere im Hinblick auf Harmonisierung, Dublettenbereinigung und zukünftige Governance-Modelle. Weiterhin sind für den Abgleich mit den Abläufen des neuen, aktuellen Systems zusätzlich Knowhow-Träger notwendig, die auch die neuen Prozesse kennen. Dies betrifft insbesondere auch neue Rollen, Fiori-basierte Arbeitsweisen sowie eingebettete Analytics und KI-gestützte Funktionen.
Change-Management
Ein S/4HANA-Projekt ist sehr umfangreich und wird sich über mehrere Monate, wenn nicht sogar Jahre, erstrecken. Zudem wirkt sich das Projekt auf alle Facetten eines Unternehmens aus und betrifft somit viele verschiedene Unternehmensbereiche. Genau aus diesem Grund ist das Change-Management so wichtig.
Weiterhin ist die Migration auf S/4HANA ein Vorgang, der jeden einzelnen Stakeholder betrifft. Durch die Migration ändern sich die allgemeine Arbeitsweise, die genutzten Systeme sowie die Benutzeroberflächen von Endanwendern. Das Vorhaben greift tief in die Unternehmensprozesse ein und tangiert somit auch die Kernprozesse und die Wertschöpfung des gesamten Unternehmens.
Alle Stakeholder müssen rechtzeitig informiert, vorbereitet und überzeugt werden. Gerade bei längerfristigen Projekten ist es von großer Wichtigkeit, dass alle Beteiligten motiviert mitarbeiten und das Vorhaben nach vorn bringen. Ist dies nicht der Fall, kommt es zu Verzögerungen und erschwerten Projektbedingungen. Besonders die Umstellung auf Cloud-UI/UX und KI-gestützte Prozesse erfordert intensive Schulungen. Dies umfasst insbesondere rollenbasierte Fiori-Apps, neue Bedienkonzepte sowie den Umgang mit eingebetteten Analyse- und Automatisierungsfunktionen. Zudem gewinnt ein strukturiertes Enablement (z. B. durch kontinuierliche Trainings, Key-User-Konzepte und digitale Lernplattformen) zunehmend an Bedeutung.

Komplexes Projekt
Wie bereits angemerkt, wird die Einführung der neuen SAP-Software S/4HANA eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Im Vergleich zu anderen SAP-Projekten wird der Projektprozess umfassender und länger sein. Trotzdem sind die einzelnen Aktivitäten innerhalb des Projektes in der Regel nicht herausfordernder oder schwieriger als in den üblichen Projekten.
Die Herausforderung liegt viel mehr in der Komplexität der Einführung von S/4HANA und dem Zusammenspiel der verschiedenen Unternehmensbereiche über einen längeren Zeitraum. Zusätzlich erhöht die Vielzahl an beteiligten Systemen, Schnittstellen und Integrationsszenarien die Komplexität erheblich.
Um alle Unternehmensbereiche in Einklang zu bringen und die Migration reibungslos sowie erfolgreich durchführen zu können, bedarf es eines handwerklich guten Projektmanagement. Ein gutes Projektmanagement sorgt außerdem dafür, besser mit Risiken während des Prozesses umgehen zu können. Besonders Custom-Code-Migration und Stammdatenbereinigung erhöhen die Komplexität. Auch die Anpassung und teilweise Neugestaltung von Schnittstellen spielt hierbei eine zentrale Rolle. Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor ist ein strukturiertes und umfassendes Testmanagement, das insbesondere Integrations-, Regressions- und End-to-End-Tests umfasst und zunehmend durch Testautomatisierung unterstützt wird.
Kein Business Case
Erfahrungsgemäß ist es sehr schwierig, in der Startphase des S/4HANA-Projektes einen konkreten Buiness Case zu berechnen. Viele Variablen zur Beurteilung der zukünftigen Rentabilität sind noch unklar, wie zum Beispiel das Vorgehensmodell, der Umfang der erforderlichen Prozessänderungen und der Umfang der gewünschten Innovationen. Auch die Wahl des Betriebsmodells (On-Premise, Private Cloud oder Public Cloud) sowie damit verbundene Kosten- und Betriebsverantwortungen spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Dies sind alles Aspekte, die individuell im Unternehmen entschieden und festgesteckt werden müssen.
Den Nutzen zu quantifizieren ist dabei durchaus schwierig. Viele Nutzeneffekte fallen in den Bereich der „weichen” Erfolgsfaktoren. Beispiele für diese sind eine verbesserte Benutzerfreundlichkeit, eine höhere Verarbeitungsgeschwindigkeit und eine höhere Standardkonformität sowie KI-gestützte Analysen. Hinzu kommen Vorteile wie erhöhte Innovationsfähigkeit, schnellere Release-Zyklen und eine bessere Integrationsfähigkeit über moderne APIs. Nur weil diese Aspekte unter die „weichen” Faktoren fallen und schlecht in Zahlen und Fakten erfassbar sind, heißt dies jedoch nicht, dass sie weniger relevant sind – ganz im Gegenteil.
Für die Aufstellung eines Business Case gestaltet es sich allerdings schwierig, diesen Nutzenzugewinn in konkreten Einsparungen zu formulieren. Am besten funktioniert die Aufstellung eines Business Cases, wenn damit die Erreichung von strategischen Unternehmenszielen unterstützt werden kann. Diese sind insbesondere Digitalisierungsziele, der Aufbau neuer Geschäftsmodelle, Cloud-Strategien, Clean Core und die Konzentration auf Kernkompetenzen. SAP S/4HANA (inkl. RISE with SAP) stellt dazu die technologische Basis zur Verfügung.
Fazit
Welche der genannten Aspekte für Ihr Unternehmen als größte Hürde erscheint, werden nur Sie individuell sehen können. Ich hoffe, ich konnte Ihnen durch diesen Beitrag ein paar Einblicke geben. Mit einer guten Vorbereitung auf anstehende Herausforderungen werden Sie das Projekt „SAP S/4HANA (inkl. RISE with SAP)” erfolgreich meistern! Entscheidend ist dabei insbesondere, frühzeitig die richtigen strategischen Weichen zu stellen und sowohl technische als auch organisatorische Aspekte ganzheitlich zu betrachten. Haben Sie weitere Fragen oder Interessen zum Thema S/4HANA, bei denen ich Ihnen behilflich sein kann? Melden Sie sich gern bei mir!
Dieser Artikel wurde bereits im Juni 2024 veröffentlicht und am 4. Mai 2026 mit leichten Anpassungen aktualisiert.
FAQ
1) Warum müssen Grundsatzentscheidungen bei der S/4HANA Migration so früh getroffen werden?
Weil Zielarchitektur, Betriebsmodell und Transformationsansatz (Brownfield, Greenfield, Selective Data Transition) den gesamten Projektverlauf und die zukünftige Flexibilität des Unternehmens maßgeblich bestimmen.
2. Ist eine schrittweise Migration von SAP ERP zu S/4HANA möglich?
Technisch erfolgt die Umstellung zu einem Stichtag; moderne Ansätze wie Selective Data Transition oder Central Finance ermöglichen aber organisatorisch getrennte oder schrittweise Transformationen etwa nach Regionen oder Business Units.
3. Warum ist ein S/4HANA Projekt kein typisches IT Projekt?
Weil Fachbereiche ihre Prozesse neu gestalten, Stammdatenqualität sicherstellen und neue Rollen, Fiori Apps sowie Analyse und KI Funktionen mitgestalten müssen.
4. Welche Rolle spielt Change Management bei der S/4HANA Einführung?
Change Management ist entscheidend, weil die Migration viele Unternehmensbereiche betrifft und Akzeptanz durch frühzeitige Information, Schulungen und Enablement sichergestellt werden muss.
5. Warum ist ein klarer Business Case für S/4HANA oft schwer zu erstellen?
Weil viele Faktoren erst im Projekt klar werden und viele Nutzenargumente als „weiche“ Faktoren schwer quantifizierbar sind.






