Christoph Lordieck
4. Februar 2026

SAP Clean Core

Wie lassen sich SAP-ERP-Systeme so betreiben und erweitern, dass der Standardkern („Core“) möglichst unverändert bleibt und Erweiterungen upgradesicher angebunden werden können? Bei SAP Clean Core steht die Vermeidung von Modifikationen am SAP-Standard sowie die Reduktion von Abhängigkeiten zu internen, nicht freigegebenen Objekten im Mittelpunkt. Anpassungen werden stattdessen über definierte Erweiterungspunkte, freigegebene (released) Schnittstellen und entkoppelte Erweiterungsarchitekturen umgesetzt. Das betrifft sowohl ABAP-Erweiterungen im System als auch Side-by-Side-Apps auf der SAP Business Technology Platform. Ziel ist eine wartbare Systemlandschaft, die Updates, Cloud-Optionen und Innovationen aus dem Standard über Jahre hinweg mit weniger Reibungsverlusten ermöglicht.

Das Wichtigste im Überblick

  • SAP Clean Core ist eine Architektur- und Entwicklungsleitlinie, die den SAP-Standard unverändert hält und Erweiterungen upgradesicher über freigegebene Schnittstellen umsetzt.
  • Anpassungen erfolgen über released APIs, Erweiterungspunkte (z. B. BAdIs) sowie entkoppelte Architekturen wie Side-by-Side-Erweiterungen auf der SAP BTP.
  • Der Ansatz reduziert Upgrade-Risiken, Komplexität und technische Schulden und verbessert Wartbarkeit sowie Governance von Custom Code.
  • Clean Core ist insbesondere für SAP S/4HANA zentral und versteht sich als dauerhafte Disziplin, nicht als einmaliges Projekt.

Was ist SAP Clean Core?

Unter „Clean Core“ ist bei SAP eine Leitlinie für Architektur, Entwicklung und Governance zu verstehen. „Core“ meint den SAP-Standard (Anwendungen, Datenmodell, Upgrade-Mechanik), „clean“ steht für eine standardnahe, dokumentierte und wartbare Ausprägung ohne Modifikationen an SAP-Objekten. SAP beschreibt Clean Core als Best-Practice-Rahmen, der Erweiterbarkeit ermöglicht und gleichzeitig die Upgrade-Stabilität schützt. Praktisch wird das über mehrere Grundprinzipien erreicht:

  1. Erweiterungen nutzen bevorzugt released APIs, Events und definierte Erweiterungspunkte (z. B. BAdIs) statt interner Tabellen oder nicht freigegebener Klassen.
  2. Custom Code wird bewusst gesteuert: nur dort, wo er echten Mehrwert schafft, mit klarer Ownership, Tests und Lifecycle-Management.
  3. Integrationen folgen stabilen Schnittstellen (API-First), um Kopplung und Upgrade-Risiken zu senken.
  4. Standardfunktionen und Customizing werden priorisiert, bevor man tief in die Entwicklung geht.

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Technologisch ist die SAP Business Technology Platform (SAP BTP) ein wichtiger Baustein, weil sie entkoppelte Side-by-Side-Erweiterungen, Integrationen und eigene Apps ermöglicht, die außerhalb des S/4HANA-Kerns laufen und über APIs angebunden werden. Für ABAP-basierte Erweiterungen etabliert SAP Entwicklungsmodelle wie ABAP Cloud und das ABAP RESTful Application Programming Model (RAP), mit denen sich cloudfähige Services und Fiori-Apps unter Einhaltung freigegebener Schnittstellen entwickeln lassen.

Vorteile von SAP Clean Core

Clean Core zielt darauf ab, den ERP-Kern standardnah zu halten und Erweiterungen kontrolliert über freigegebene Mechanismen umzusetzen. Daraus ergeben sich – je nach Ausgangslage – typischerweise folgende Vorteile:

Upgrade- und Release-Fähigkeit

Wenn Erweiterungen konsequent über released APIs und definierte Erweiterungspunkte statt über interne Objekte oder Modifikationen umgesetzt werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Updates Custom Code brechen. Das kann Regressionstests und Nacharbeiten bei Releases deutlich reduzieren und Upgrades planbarer machen.

Geringere Komplexität

Clean Core ist als Leitlinie explizit darauf ausgerichtet, „gewachsene“ Sonderlogik im Kern zu vermeiden bzw. zurückzuführen. Das erleichtert mittel- bis langfristig Wartung, Fehlersuche und Wissensübergaben, weil Standard und Erweiterung klarer getrennt sind.

Schnellere Innovation durch moderne Erweiterungsarchitekturen

Insbesondere Side-by-Side-Erweiterungen auf der Business Technology Platform laufen unabhängig vom ERP-Kern und lassen sich dadurch in vielen Fällen schneller entwickeln, testen und bereitstellen, ohne Kern-Updates zu blockieren. SAP positioniert Side-by-Side auf BTP explizit als entkoppeltes Modell, um den Core sauber zu halten.

Klarere Steuerung der Erweiterungsstrategie (On-Stack vs. Side-by-Side)

Mit der SAP Application Extension Methodology und den Extensibility/Clean-Core-Levels lässt sich besser strukturieren, welche Erweiterungsart für welchen Use Case geeignet ist (z. B. „strategisch clean“ vs. „bewusst nahe am Kern“). Das unterstützt Architekturentscheidungen und macht Trade-offs (Kopplung, Lifecycle, Betriebsmodell) transparenter.

Bessere Governance und Compliance-Fähigkeit

Wenn Teams verbindlich auf freigegebene Schnittstellen, klare Ownership und wiederholbare Entwicklungs-/Transportprozesse setzen, wird Custom Code typischerweise besser auditierbar: Abhängigkeiten sind nachvollziehbarer, „graue“ Integrationen (direkte Tabellen-/Objektzugriffe) werden reduziert, und Richtlinien lassen sich konsistenter durchsetzen. Clean Core wird dabei von SAP ausdrücklich als Prinzipien-Set verstanden, das Modernisierung und kontinuierliche Transformation unterstützen soll.

Modernes Entwicklungsmodell für cloudfähige Erweiterungen

Im ABAP-Kontext unterstützen ABAP Cloud und das RESTful ABAP Programming Model die Entwicklung von cloud-ready Services/Apps unter Einhaltung der Clean-Core-Idee (stabile Schnittstellen, klare Vertragsgrenzen, serviceorientierte Umsetzung). Das kann die langfristige Portierbarkeit und Zukunftsfähigkeit von Erweiterungen verbessern.

In unserem Webinar zeigen wir Ihnen, welche Prinzipien erfüllt sein müssen, um einen Clean Core im SAP-Umfeld zu erreichen.

SAP Clean Core und S/4HANA

Im Kontext von SAP S/4HANA gewinnt Clean Core an Gewicht, weil SAP-Editionen – besonders Cloud-Editionen – mit höherer Änderungsfrequenz, standardisierten Prozessen und klaren Erweiterungsgrenzen arbeiten. In der SAP S/4HANA Cloud Public Edition sind Modifikationen am Standard nicht vorgesehen, Clean Core ist dort faktisch Voraussetzung und beeinflusst Designentscheidungen von Beginn an; Erweiterungen erfolgen über definierte Extensibility-Optionen und released APIs.

In der Private Edition oder On-Premises-S/4HANA ist technisch mehr möglich, Clean Core dient dort aber als Leitplanke, um den Kern nicht schrittweise zu „verunreinigen“ und Upgrades beherrschbar zu halten. Gerade bei Conversion- und Transformationsprojekten hilft der Ansatz, Altlasten (z. B. Modifikationen, direkte Tabellzugriffe) früh zu identifizieren und in eine tragfähige Erweiterungsstrategie zu überführen.

SAP unterscheidet typischerweise drei Erweiterungsarten:

  1. Key-User-Extensibility: konfigurations-/low-code-nahe Anpassungen wie Felder, UI-Anpassungen oder einfache Regeln
  2. Developer/On-Stack-Extensibility: ABAP-Erweiterungen innerhalb des S/4HANA-Stacks, idealerweise über released APIs und Erweiterungspunkte
  3. Side-by-Side-Extensibility auf der SAP BTP: eigene Services/Apps außerhalb des Kerns

RAP und ABAP Cloud spielen hier eine Brückenrolle: Sie unterstützen die Entwicklung moderner OData-Services und Fiori-Apps mit cloudtypischen Qualitäten und klaren Schnittstellengrenzen.

Umstellung auf SAP Clean Core

Die Umstellung auf Clean Core ist meist ein schrittweiser Modernisierungsprozess. Typischer Start ist eine Bestandsaufnahme mit den folgenden zentralen Fragen:

  • Welche Modifikationen existieren?
  • Wie groß ist der Custom-Code-Footprint?
  • Welche Erweiterungen nutzen released APIs?
  • Wo bestehen Abhängigkeiten zu internen Tabellen, nicht freigegebenen Klassen oder direkten Änderungen am Standard?

Daraus entsteht eine Priorisierung nach Risiko und Nutzen; häufig werden zuerst „Upgrade-Blocker“ und hochfrequent betroffene Bereiche adressiert.

Im zweiten Schritt wird ein Zielbild für die Anforderungen der Erweiterungsarchitektur definiert:

  • Welche lassen sich durch Standardfunktionen und Customizing abdecken?
  • Welche durch Key-User-Erweiterungen?
  • Welche durch ABAP-Erweiterungen im Stack?
  • Welche sollten Side-by-Side auf der BTP umgesetzt werden?

SAP verweist hierfür auf eine methodische Entscheidung zwischen On-Stack und Side-by-Side (Application Extension Methodology), um Kopplung, Betrieb und Lifecycle sauber zu steuern.

Anschließend folgt die Umsetzung in Iterationen:

  • Refactoring von Z-Code auf released APIs
  • Ablösung direkter Datenzugriffe
  • Nutzung von Erweiterungspunkten
  • Wo sinnvoll Modernisierung in Richtung ABAP Cloud/RAP oder BTP-basierter Services

Parallel sind Governance und Betrieb entscheidend:

  • Automatisierte Checks
  • Testautomatisierung
  • Dokumentationspflichten
  • Klares Ownership-Modell für Erweiterungen.

Häufig gehören auch Schulungen, Coding-Guidelines und ein verbindlicher Freigabeprozess dazu, damit neue Erweiterungen dauerhaft clean bleiben.

Zukünftige Entwicklungen im Bereich von SAP Clean Core

Bei Clean Core ist eine Entwicklung von „Prinzipien“ hin zu messbarer Steuerung erkennbar. SAP hat das ursprüngliche Drei-Tier-Denken weiterentwickelt und betont stärker ein Level- bzw. Reifegradmodell, das Erweiterungen nach Kopplung, Upgrade-Risiko und Cloud-Eignung klassifiziert. Damit sollen Unternehmen transparenter entscheiden können, welche Arten von Erweiterungen in welcher S/4HANA-Edition sinnvoll und zulässig sind.

Parallel ist zu erwarten, dass SAP den Umfang der released APIs, Events und Erweiterungspunkte weiter ausbaut, damit sich Standardprozesse ohne tiefe Eingriffe erweitern lassen. Auf der Entwicklungsseite dürfte ABAP Cloud weiter an Bedeutung gewinnen, weil das Modell mit klaren Sprach– und API-Grenzen sowie dem Fokus auf stabile Schnittstellen die Clean-Core-Ziele technisch unterstützt.

Ebenfalls wahrscheinlich ist eine stärkere Automatisierung der Bewertung von Custom Code (z. B. Scans gegen released APIs, Policy-Checks im CI/CD-Prozess) und eine engere Verzahnung mit DevOps-Praktiken. Auf der BTP-Seite fördern Ereignis- und API-basierte Architekturen sowie Integrations-Services die Idee, Differenzierung außerhalb des Kerns zu platzieren, ohne den Standard zu „forken“. Zudem dürfte SAP stärker betonen, dass Clean Core eine Voraussetzung für „innovation-ready“ Cloud-Upgrades ist, weil nur so neue Funktionen schneller und mit weniger Nacharbeit übernommen werden können.

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Fazit

SAP Clean Core steht für ein standardnahes ERP-Kernsystem plus Erweiterungen, die über freigegebene Schnittstellen und entkoppelte Architekturen umgesetzt werden. Der Nutzen liegt vor allem in upgradesicherer Weiterentwicklung: weniger Release-Risiko, planbarere Updates und bessere Wartbarkeit von Custom Code. Für S/4HANA ist das eng mit der Extensibility-Strategie verknüpft – von Key-User-Anpassungen über ABAP-Cloud-konforme Entwicklung (inkl. RAP) bis zu Side-by-Side-Erweiterungen auf der SAP BTP. Clean Core ist damit weniger ein Projektziel als eine dauerhafte Betriebs- und Entwicklungsdisziplin. Wer früh Governance, Schnittstellenregeln und Refactoring-Prioritäten festlegt, reduziert technische Schulden und schafft Spielraum für Innovation.

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FAQ

Ist SAP Clean Core ein technisches Muss oder eine Empfehlung?

Clean Core ist keine starre Pflicht, sondern eine von SAP empfohlene Leitlinie. In der S/4HANA Cloud Public Edition ist sie faktisch Voraussetzung, in Private- und On-Premises-Editionen dient sie als strategische Leitplanke.

Bedeutet Clean Core, dass kein Custom Code mehr erlaubt ist?

Nein. Custom Code ist weiterhin möglich, wird jedoch gezielt eingesetzt, klar verantwortet und bevorzugt über released Schnittstellen oder entkoppelte Erweiterungen umgesetzt.

Wann sind Side-by-Side-Erweiterungen sinnvoll?

Side-by-Side-Erweiterungen eignen sich besonders für innovationsnahe, häufig ändernde oder integrationslastige Anforderungen, die unabhängig vom ERP-Kern entwickelt und betrieben werden sollen.

Wie startet man sinnvoll mit der Umstellung auf Clean Core?

Der Einstieg erfolgt typischerweise über eine Bestandsaufnahme von Modifikationen und Custom Code, gefolgt von einer priorisierten Modernisierung und einer klaren Erweiterungs- und Governance-Strategie.

Wer kann mir beim Thema SAP Clean Core helfen?

Wenn Sie Unterstützung zum Thema SAP Clean Core benötigen, stehen Ihnen die Experten von Erlebe Software, dem auf dieses Thema spezialisierten Team der mindsquare AG, zur Verfügung. Unsere Berater helfen Ihnen, Ihre Fragen zu beantworten, das passende Tool für Ihr Unternehmen zu finden und es optimal einzusetzen. Vereinbaren Sie gern ein unverbindliches Beratungsgespräch, um Ihre spezifischen Anforderungen zu besprechen.

Christoph Lordieck

Christoph Lordieck

Als Bereichsleiter SAP Entwicklung berate ich Unternehmen rund um das Thema SAP Individualentwicklung. Einige Jahre Projekt- und Umsetzungserfahrung haben meinen Wissenshunger noch nicht gestillt und ich suche ständig nach neuen Themen und Entwicklungen im ABAP-Umfeld.

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