Selbst gebaute Automatisierung gibt es ja nicht erst seit KI-Agenten. Batch-Input-Mappen oder die Gott-Excel „Liste1.xls“, wahlweise mit oder ohne VBA, lassen grüßen. Aber jetzt, wo KI-basierte Automatisierungs-Flows und KI-Agenten in Unternehmen vermehrt Einzug halten, wiederholt sich ein Muster, das ich in einem interessanten Artikel mit dem Titel „Ironien der Automatisierung“ entdeckt habe. Erschienen vor mehr als 40 Jahren.

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Geschrieben wurde „Ironies of Automation“ im Original von Lisanne Bainbridge. Erschienen ist der bereits über 1800-mal in Fachkreisen zitierte Artikel 1983 in der Fachzeitschrift Automatica. Fünf Seiten über Prozessleittechnik in Fabriken und Kraftwerken, mit Beispielen aus dem Maschinen-Cockpit für Warte, Anlagenfahrer und Alarmtafel. Kein SAP (obwohl es die schon seit 1972 gibt) und schon gar keine KI-Agenten.

Bainbridge leitet den Artikel mit einer Wörterbuch-Definition von Ironie ein. Ironie ist ein Zusammentreffen von Umständen, dessen Ergebnis das direkte Gegenteil dessen ist, was zu erwarten wäre. Sie beschreibt einen wohl immer noch gültigen Anspruch der Automatisierung: Etwas, bei dem der potenziell fehlbare Mensch durch die hoffentlich zuverlässigere Maschine ersetzt wird. Mit dem Take: Indem sie die einfachen Teile der Aufgabe wegnimmt, kann Automatisierung die schwierigen Teile schwieriger machen.

Beispiel für eine Automatisierungs-Ironie: Eine Hauptquelle der Betriebsprobleme ist nicht mehr der Bediener, sondern die Entwickler. Beispiel: Das, was vorher von Hand gemacht wurde, wird zu 95 % automatisiert. Fehler passieren weiterhin, aber sie entstehen überwiegend in der Entwicklung (also weiter vorne).

Eine weitere Ironie: Die Entwickler automatisieren alles, was möglich ist, und lassen den Anwender oder Operator mit einer scheinbar willkürlichen Restmenge allein. Eben alles, bei dem der Entwickler keine Möglichkeit gesehen hat, diesen Punkt zu automatisieren. Und es wird in der Regel keine Zeit darauf verwendet, Anwendern bei diesem Rest zu helfen.

Mit dem Ergebnis, dass die 5 %, die übrig bleiben, plötzlich das Wissen des kompletten IT-Stacks erfordern – unlösbar für den menschlichen Überwacher, der fast ausschließlich darauf reduziert wurde, „yes“ zu drücken. Denn obwohl ein Mensch für den Prozess monatelang zuständig sein kann, gibt es trotzdem in der Zeit keinerlei Wissensaufbau bei der Benutzung „der Maschine“. Denn das Regelwerk und die Mechanik eines Agenten sind sauber verborgen.

Kurz: Was sich gut automatisieren lässt, wandert in das System. Beim Menschen landet der Rest, und der wurde nicht unbedingt als sinnvoller Arbeitsplatz entworfen.

Wenn es knallt, bitte hörbar

Bainbridge hat sich in dem Aufsatz auch damit beschäftigt, wie Automatisierung denn besser gemacht werden könnte. Zum Beispiel, indem automatische Systeme nicht still, sondern offensichtlich ausfallen sollen.

Das ist auch heute noch aktuell, denn heutige Agenten können Fehler beeindruckend plausibel begründen und damit kaschieren. Ein abgestürzter Prozess ist lästig, aber wenigstens ehrlich. Ein Agent, der bei Unsicherheit selbstbewusst weitermacht, möchte seinem Chef gefallen, aber macht keinen guten Job. Und genauso, wie ich es einem Mitarbeiter beibringen muss, muss ich es auch meinem Agenten beibringen.

Selberbauen in alten Mustern

Automatisierung ist im SAP-Umfeld naturgemäß ein großes Thema. Laut Handelsblatt hat SAP rund 60 Millionen Euro in das Automatisierungs-Startup n8n als Teil der strategischen Partnerschaft investiert. Das Joule Studio soll mit n8n-Technologie eine Vereinfachung im SAP-Ökosystem bieten, damit Automatisierung von jedem selbst gebaut werden kann.

Ob ich nun eine Integration mit n8n baue, oder mir selbst mit Claude einen passenden Agenten entwickle, ist eigentlich egal. Interessant ist: Es wird wieder ein Versuch gestartet, die letzten 5 % ebenfalls zu automatisieren. Jetzt endlich den letzten manuellen Schritt, den Download der Excel und Upload ins SAP automatisieren.

Wenn das wieder in den alten Mustern gemacht wird, dann wird das sicherlich zwar die Automatisierung ein paar Prozentpunkte anheben, aber der Rest wird ungeahnt noch viel schwieriger zu lösen sein als je zuvor. Denn die neuen Mittel lösen Bainbridges Problem nicht. Sie verschieben es eine Abstraktionsebene nach oben. Wieder bleibt etwas für den Menschen übrig, und wieder ist es ausgerechnet der schwierige Teil: überwachen, eingreifen und beurteilen, ob das Ergebnis stimmt.

Wie gutes Design für diese Restaufgabe aussieht, wissen wir aus meiner Sicht noch nicht.

Aber gerade deshalb sollten SAP und alle anderen, die solche Systeme bauen, uns selbst eingeschlossen, nicht nur für den erfolgreichen Durchlauf entwerfen.

Problem anderer Leute

Unabhängig davon, wer die Automatisierung am Ende baut, sollte die Frage beantwortet werden: Welche Aufgabe bleibt beim Menschen, und wer hat sich Gedanken darüber gemacht, wie diese Person sie erledigen soll?

Die eigentliche Ironie der Automatisierung ist nicht, dass sie nicht funktioniert. Sie funktioniert oft erstaunlich gut. Die Ironie beginnt dort, wo wir nur die eingesparte Arbeit gestalten und den übrig gebliebenen Rest auf den Schreibtisch vom überforderten Kollegen zwei Büros weiter legen.

Herzliche Grüße
Tobias Harmes

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